Der Grundgedanke: Bedarf decken statt Quote setzen
Das Problem zuerst. Ein Depot, aus dem jedes Jahr ein fester Betrag entnommen wird, hängt nicht nur an der durchschnittlichen Rendite, sondern an ihrer Reihenfolge: Zwei schlechte Jahre am Anfang zwingen zu Verkäufen zu Tiefstkursen, und das Kapital, das dann fehlt, holt keine spätere Erholung zurück. Die gängigen Gegenmittel sind Entnahmeregeln mit eingeplanten Kürzungen oder ein Cash-Topf für zwei, drei Jahre, der in einer langen Dürre leerläuft. Beide akzeptieren, dass der Lebensunterhalt schwankt. Das hier beschriebene Konstrukt tut das für den Teil des Bedarfs, der nicht schwanken darf, nicht: Er wird für zwanzig Jahre aus dem Aktienrisiko herausgenommen. Schwanken darf danach nur noch der Rest, und der ist dafür ehrlich als schwankend ausgewiesen.
Die übliche Frage lautet „wie viel Prozent Aktien". Das Brücken-Modell stellt sie nicht. Es zerlegt stattdessen den Jahresbedarf in zwei Teile: einen Sockel, der nicht gekürzt werden darf, und einen variablen Rest, der schwanken darf. Der Sockel enthält alles, was man nicht verhandeln kann, etwa Miete, Versicherungen, Grundbedarf. Der variable Teil ist Reisen, Hobbys, Komfort.
Für den Sockel gibt es einen eigenen Topf, den Puffer. Er hält so viele Jahresbeträge des Sockels vor, wie das Fenster lang ist, im Beispiel zwanzig Jahre, und zwar in inflationsindexierten Staatsanleihen, damit die Kaufkraft des Topfs zur Kaufkraft des Bedarfs passt. Alles andere liegt in einem breiten Aktien-ETF und trägt den variablen Teil. Die Aktienquote ist damit kein Regler mehr, sondern ein Ergebnis: Vermögen minus Puffer.
| Sockel | der unkürzbare Teil des Bedarfs | eine Verbindlichkeit |
| Puffer | der Topf, der den Sockel trägt | ein Vermögensteil |
| Variabel | der Rest des Bedarfs, aus Aktien | darf schwanken |
| Fenster | wie viele Sockeljahre der Puffer vorhält | rollt mit, läuft nicht aus |
Die Brücke endet nicht bei Rentenbeginn. Ab dann zahlt der Puffer nur noch die Differenz zwischen Sockel und Rente, das Fenster rollt weiter. Erst gegen das Planende schrumpft es. Das ist der Unterschied zu einer „Brücke bis zur Rente", die danach alles der Aktienregel überlässt.
Der Sockel ist ein Tausch, kein Gewinn
Je größer der Anteil des Bedarfs, der immunisiert wird, desto mehr Kapital liegt zu etwa einem Prozent real statt in Aktien. Das kostet spätes Einkommen. In der Messung über 20.000 Zufallspfade lag das Median-Einkommen nach Rentenbeginn bei vollständiger Immunisierung rund ein Drittel unter dem bei 75 Prozent Sockel. Man kauft frühe Glätte mit späterem Wohlstand. Welcher Anteil richtig ist, hängt davon ab, wie viel des Bedarfs man wirklich nicht kürzen kann, nicht von einer Renditeerwartung.
Kapitalbindung des Puffers
Alles in Prozent des Vermögens und in Jahren, real. Der Rechner zeigt, wie viel Kapital der Puffer bindet und welche Aktienquote dabei herauskommt, dazu die Duration der Verbindlichkeit, die später beim Instrument wichtig wird.
Sockelanteil im Vergleich
| Sockel | Puffer | Aktien | variabel p. a. |
|---|---|---|---|
| 50 % | 35,2 % | 64,8 % | 1,75 % |
| 60 % | 42,3 % | 57,7 % | 1,40 % |
| 75 % | 52,9 % | 47,1 % | 0,88 % |
| 90 % | 63,4 % | 36,6 % | 0,35 % |
| 100 % | 70,5 % | 29,5 % | 0,00 % |
Das ist der Barwert eines realen Zahlungsstroms, keine Simulation. Der Sicherheitsaufschlag fängt ab, was der Barwert nicht kennt: schlechtere Realzinsen beim Verkauf, einen real steigenden Posten wie Krankenversicherung, Steuern auf den Inflationsausgleich. Die Zeile „−1 pp" zeigt, warum der Puffer kein Geldmarktkonto sein sollte: die Verbindlichkeit hat selbst eine lange Duration.
Warum der Puffer rollt und nur am Allzeithoch nachgefüllt wird
Ein Puffer, der bei Rentenbeginn ausläuft, lässt die späten Jahre im Stich. Ein Puffer, der jedes Jahr per Rebalancing auf Soll gebracht wird, verkauft Aktien auch nach dem Crash. Die Messung über 20.000 Pfade mit gleichem Startkapital und gleichem Bedarf, Einkommen im zehnten Perzentil in Jahr 40:
| Regel | Einkommen P10, Jahr 40 | Endvermögen |
|---|---|---|
| nie nachfüllen, Brücke läuft aus | bricht in den späten Jahren auf rund ein Viertel ein | höchstes Endvermögen |
| nur am Kurs-Allzeithoch | bleibt nahe am Startniveau | praktisch gleiches Endvermögen |
| jährliches Rebalancing | ähnlich stabil | rund ein Drittel weniger Endvermögen |
Die Allzeithoch-Bedingung ist der Wirkstoff, nicht das Umschichten selbst. Beide aktiven Regeln bewegen über ein Leben ähnliche Beträge; nur eine davon verkauft nie zu Tiefstkursen.
Der Auslöser hängt am Kurs, nicht am Depotwert
Wer selbst Aktien verkauft hat, um den Puffer zu füllen, sieht seinen Depotwert fallen, obwohl der Markt steht. Ein Trigger auf dem Depotwert liest die eigene Umschichtung als Crash und löst nie wieder aus. Der Trigger muss deshalb auf einem Kursindex der gehaltenen Papiere liegen, gewichtet mit den heutigen Stückzahlen. Eine Toleranz von ein bis zwei Prozent unter dem Hoch genügt, damit nicht jeder Zacken zählt.
Band statt Dauerbetrieb
Bei jedem neuen Hoch auf das volle Fenster aufzufüllen ist zu betriebsam: elf, zwölf Umschichtungen pro Leben. Besser ein Band: Der Puffer darf leerlaufen. Erst wenn die Restdeckung unter einen Auslöser fällt, im Beispiel 15 Jahre, wird das nächste Hoch genutzt. Fällt sie unter einen Boden, etwa 8 Jahre, wird auch ohne Hoch gekauft. Das halbiert die Notverkäufe und drittelt die Umschichtungen. Der Boden ist dabei ein Risikoregler, kein Sicherheitsgurt: je tiefer, desto mehr liegt im Schnitt in Aktien, mit mehr Endvermögen und mehr ungedeckten Jahren. Drawdown-Stopps, Toleranzbänder und Teilauffüllungen landen in der Messung alle auf derselben Kurve. Sie drehen nur anders an demselben Regler.
Sparen in der Dürre schlägt jede Regelvariante
Die einzige geprüfte Variante, die beide Achsen verbessert, ist keine Regel am Depot, sondern am Konsum: Wird der Sockel um 15 Prozent gekürzt, sobald der Puffer unter den Auslöser fällt, sinkt der Anteil ungedeckter Jahre um mehr als die Hälfte und das Endvermögen steigt, weil weniger Aktien zum schlechten Preis verkauft werden. Entscheidend ist der Zeitpunkt: früh und mild bringt fast das Vierfache von spät und drastisch. Am Boden ist der Puffer fast weg und es bleiben kaum Sparjahre.
Warum inflationsindexierte Anleihen, und warum als ETF
Der Reflex für den sicheren Topf ist Tagesgeld oder ein Geldmarktfonds. Das ist die falsche Sicherheit. Die Verbindlichkeit, ein realer Betrag über zwanzig Jahre, hat selbst eine Duration von rund neun Jahren. Tagesgeld hat Duration null. Fällt der Realzins um einen Prozentpunkt, fehlt dem Tagesgeld-Puffer ein Vielfaches dessen, was dem Linker fehlt. Das ungehedgte Instrument ist das Tagesgeld, nicht die Anleihe.
Der zweite Kanal ist die Inflation selbst. Tagesgeld zahlt nominal, der Bedarf ist real. Im Modelltest mit einem Inflationsschock wie 2022 ohne volle Weitergabe durch die Zentralbank verliert der Geldmarkt-Puffer rund zwei Jahre Deckung, der Linker keine. Isoliert gewinnt Tagesgeld das Zinsrisiko und verliert das Inflationsrisiko; gegen eine reale Verbindlichkeit wirken beide gleichzeitig, und dann gibt es keine Konstellation, in der Tagesgeld vorne liegt, ohne auf die Richtung gewettet zu haben. Der Linker gewinnt die Wette nicht, er beendet sie.
ETF statt Leiter
Eine Leiter aus Einzelanleihen trifft die Duration exakter und stundet die Steuer auf den Inflationsausgleich bis zur Fälligkeit. Beides ist klein: bei gut einem Prozent Realrendite trägt gestundetes Geld fast nichts, und der ETF holt einen Zinsschock über etwa seine Duration wieder auf, während der Puffer nur rund fünf Prozent pro Jahr verkauft. Dagegen stehen zwei große Argumente: Deutschland emittiert seit Ende 2023 keine Linker mehr, eine Bund-Leiter ist nicht baubar. Und eine Leiter müsste vierzig Jahre von Hand geführt werden, auch mit 85. Das Konstrukt ist bewusst so gebaut, dass es ohne laufende Pflege trägt: ein Papier, eine Order im Dezember.
Was der Linker nicht einfängt
- Steuer auf Scheingewinne. Der Inflationsausgleich ist steuerpflichtig, und der Abzug wächst mit der Inflation, also genau im Szenario, für das der Linker da ist. Bei hoher Inflation wird die Realrendite nach Steuern negativ. Kein Instrument im Euroraum ist davon frei.
- Redenominierung. Verlässt ein Land den Euro, fliegen seine Anleihen zum dann gültigen Kurs aus dem Index, nach Spread-Schock und Abwertung. Der Ausschluss schützt nicht, er fixiert den Verlust. Bei einem großen Mitgliedsland wären das einmalig zehn bis fünfzehn Prozent des Puffers. Dagegen hilft kein Euro-Instrument; wer das absichern will, braucht etwas außerhalb des Systems und muss es als Versicherung buchen, nicht als Anlage.
- Das Laufzeitband. Mit kürzer werdendem Restfenster kippt die Duration der Verbindlichkeit unter die des ETF. Dann gehört der Puffer in ein kürzeres Laufzeitband. Das ist ein Termin in zwanzig Jahren, nicht heute.
Der variable Teil schwankt stärker als der Markt
Der variable Teil wird als fester Prozentsatz vom freien Aktienteil entnommen, also vom Aktienvermögen abzüglich dessen, was als Nachfüllreserve für den Puffer gebunden ist. Diese Reserve ist ein Fixblock, sie schrumpft im Crash nicht mit. Der gesamte Rückgang landet auf dem freien Teil: zehn Prozent weniger Kurs sind rund 18 Prozent weniger variabler Teil, ein Drittel weniger Kurs halbiert ihn.
Der Median ist über zehn Jahre flach, nicht steigend. Das ist Konstruktion: Der Entnahmesatz ist genau der, bei dem das Kapital auf dem Medianpfad erhalten bleibt. Wer einen steigenden Trend erwartet, verwechselt den arithmetischen mit dem geometrischen Mittel. Dafür ist das Band breit: Nach zehn Jahren steht das schlechteste Zehntel bei rund 40 Prozent des Startwerts, und in fast neun von zehn Pfaden gibt es mindestens ein Jahr mit über 20 Prozent Rückgang. Das gehört angezeigt, damit die normale Bewegung nicht als Störfall gelesen wird.
Warum kein Glättungstopf
Ein dritter Topf, der Überschüsse guter Jahre für schlechte vorhält, funktioniert rechnerisch, scheitert aber dreimal: Er kollidiert mit der Kernregel, nach der alles, was nicht Aktien ist, als Puffer zählt. In den bestehenden Puffer gefaltet frisst der variable Teil den Sockel. Und er ist eine Entscheidung mehr, jeden Dezember. Der Gewinn wäre etwa ein Prozent des Gesamteinkommens. Die billigere Antwort: in guten Jahren nicht den vollen variablen Teil ausgeben, das Geld bleibt in Aktien und arbeitet weiter.
Wo das Konstrukt bricht
- Eine einzige Renditeannahme trägt alles. Reserve, variabler Teil und Deckung hängen an der angenommenen realen Aktienrendite. Ein Prozentpunkt weniger kann die Sockeldeckung von „gedeckt" auf „nicht gedeckt" kippen. Die Budgetzahl ist so genau wie diese eine Zahl, und das gehört als Sensitivitätstabelle neben jedes Ergebnis.
- Alles ist ein Barwert auf dem Medianpfad. Die Hälfte der Verläufe liegt darunter. Die Streuung muss separat gemessen werden; den gedeckten Bedarf allein zu lesen ist der häufigste Fehler.
- Die Historie ist nicht gefährlicher als Würfeln, aber sie ist die eines Gewinnermarkts. Ein Block-Bootstrap über 150 Jahre US-Daten liefert dieselben Ergebnisse wie unabhängige Zufallsrenditen, weil auf Dürren Erholungen folgen. Eine Abfolge wie Japan ab 1990 kommt darin nicht vor.
- Stille Fehler. In einer Umsetzung dieses Modells steckten vier Rechenfehler, die keine Formel gemeldet hätte: Ausschüttungen doppelt gezählt, ein Trigger auf der falschen Basis, eine Kappung, die Kapitalbedarf aus dem Nichts erzeugte, zwei gegenläufige Orders auf dasselbe Papier. Gefunden wurden sie nur durch Gegenproben, die Jahr für Jahr nachrechnen. Wer so etwas baut, braucht Selbsttests, keine Tabellenkalkulation.
- Es ist kein Modell für die Ansparphase. Es setzt voraus, dass das Kapital da ist und der Bedarf bekannt. Für die Frage „reicht es" gibt es bessere Werkzeuge; dieses hier beantwortet „wie verteile ich es, damit der Sockel steht".
Fragen, die dabei aufkamen
Ist das nicht einfach eine Bucket-Strategie?
Verwandt, mit zwei Unterschieden. Der Topf ist nicht „drei Jahre Cash", sondern ein Barwert des Sockels über ein langes Fenster, in einem Instrument, das zur Verbindlichkeit passt. Und das Nachfüllen ist nicht „wenn der Topf leer ist", sondern nur am Allzeithoch, mit einem Boden als Notbremse. Die Messung zeigt, dass genau diese beiden Punkte den Unterschied machen.
Warum 75 Prozent Sockel?
Drei Viertel sind ein typischer Wert dafür, wie viel eines Jahresbedarfs sich nicht verhandeln lässt: Wohnen, Versicherungen, Grundbedarf. Die Zahl ist keine Optimierung, sondern eine Beschreibung des eigenen Bedarfs, und sie gehört zu den Eingaben, nicht zu den Ergebnissen. Wer mehr kürzen kann, nimmt weniger und gewinnt spätes Einkommen; wer weniger kürzen kann, mehr.
Warum 20 Jahre Fenster?
Lang genug, dass eine Dürre wie 2000 bis 2012 durchgestanden wird, ohne Aktien zu verkaufen, und dass ein Allzeithoch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit kommt, bevor der Puffer leer ist. Kürzer spart Kapital und erhöht das Risiko des Notverkaufs; länger bindet Kapital, das nicht mehr arbeitet.
Was ist mit Gold, Krypto, Fremdwährungsanleihen im Puffer?
Alles, was nicht die eigene Inflation in der eigenen Währung abbildet, ist im Puffer eine Wette. Fremdwährungsanleihen haben negativen Carry und kein Inflations-Matching, Gold und Krypto schwanken wie Aktien. Als Versicherung gegen einen Systemausfall kann ein kleiner Posten außerhalb des Euro sinnvoll sein, aber außerhalb des Modells, nicht als Teil des Puffers.
Wie oft muss man eingreifen?
Einmal im Jahr, im Dezember: variablen Teil für das nächste Jahr ablesen, prüfen, ob das Nachfüllband aktiv ist und der Kurs am Hoch steht, dann höchstens zwei Orders. In der Messung sind es drei bis vier Umschichtungen pro Leben.
Gibt es den Rechner mit echten Beträgen?
Nein, absichtlich. Beträge ändern an der Mechanik nichts, und das Modell ist in Prozent und Jahren vollständig beschrieben. Wer es umsetzt, rechnet es in der eigenen Tabelle nach und baut sich die Gegenproben dazu.